Flüchtlinge in Spitex-Kleidung sorgen für Freude

Seit drei Monaten lernen im Kanton St. Gallen Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene im Rahmen eines Ausbildungsprogramms das Arbeitsfeld Spitex kennen. Bei einer ersten Auswertung strecken alle Beteiligten den Daumen nach oben – sie ziehen also grundsätzlich eine positive Bilanz und empfehlen das Konzept guten Gewissens weiter. Dies gilt auch für die Spitex Mittleres Toggenburg, welche das Spitex Magazin besucht hat – und dabei die Geschichte von Linda Nzinga aus Angola erfuhr.

Die Herbstsonne scheint durch das Fenster der Zweizimmerwohnung in Wattwil SG, ein Staubsauger brummt, es riecht nach Hustentee, man hört Frauen plaudern und lachen. Der Grund dieser heimeligen Geräuschkulisse: Zwei Spitex-Mitarbeiterinnen bringen die Wohnung einer betagten Klientin auf Vordermann – eine der Frauen in Spitex-Kleidung ist Linda Nzinga aus Angola, Teilnehmerin eines Ausbildungsprogramms, in dessen Rahmen Flüchtlinge im Kanton St. Gallen seit drei Monaten die Spitex kennenlernen. «Hast du Kinder?», will die Klientin der Spitex Mittleres Toggenburg von der Angolanerin wissen, woraufhin diese das Staubtuch aus der Hand legt und erzählt, dass sie gleich fünf davon habe – allesamt gesund, munter und für die Eltern überaus erfreulich. Die Klientin lächelt und erzählt dann aus ihrem eigenen Leben, wobei sich Linda Nzinga als aufmerksame Zuhörerin erweist. Deutsch zu sprechen und zu verstehen ist ihr problemlos möglich, denn bereits beim Vorstellungsgespräch vor einigen Monaten verfügte sie über Deutschkenntnisse Niveau A2. Bald unterhalten sich die beiden Frauen über alles Mögliche. Die eine spricht Mundart, die andere antwortet auf Hochdeutsch, aber das fällt beiden nicht gross auf. Und als die Klientin von der Helferin wissen möchte, woher sie komme und was sie hier in der Schweiz mache, beginnt Linda Nzinga zu erzählen.

Sie berichtet, dass sie vor zwölf Jahren – zusammen mit ihrem blinden Ehemann und den Kindern – mit leeren Händen und fixfertig in der Schweiz ankam. In ihrem Heimatland Angola im Südwesten Afrikas herrscht seit 1975 Bürgerkrieg, und die Bevölkerung leidet. Nichts funktioniert mehr: Keine Arbeit. Keine Zukunft. Linda Nzinga erzählt all dies ohne Bitterkeit. Die Tatsache, dass sie heute in der Schweiz in Sicherheit einer Arbeit nachgehen kann, abends ohne Angst ins Bett geht und morgens ohne Angst erwacht, lässt sie mit dem Finger nach oben zeigen. «Gott», sagt sie leise, und erzählt daraufhin, dass sie am vergangenen Sonntag im Chor in der Kirche Wil das Halleluja gesungen hat. «Mein Sohn, 15 Jahre alt, begleitete mich auf der E-Gitarre», sagt sie.

Im «Tandem» sicher unterwegs
An diesem Herbsttag ist sie wieder einmal im Tandem-Prinzip mit einer Spitex-Mitarbeiterin des Bereichs Haushalt unterwegs und übernimmt dabei einfache Tätigkeiten, für die man sie im Verlauf eines Kurses geschult hat. Wobei: Linda Nzinga arbeitete bereits in ihrer Heimat in der Pflege. «Menschen habe ich gerne. Diese Klientin ist eine gute Frau und im Gespräch mit ihr haben sich auch meine Deutschkenntnisse sehr verbessert», sagt sie und setzt das Staubwischen fort. Zur Spitex Mittleres Toggenburg fand Linda Nzinga durch «Repas Toggenburg». Diese regionalen Potenzialabklärungs- und Arbeitsintegrationsstellen für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Asylsuchende gibt es im Kanton St. Gallen an fünf Standorten. Sie fördern im Auftrag der Gemeinden die Arbeitsintegration, und deshalb machten sich die Zuständigen Gedanken, wie sie es diesen Männern und Frauen ermöglichen könnten, im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen. Mit dem Vorschlag, das Konzept «Ausbildungsprogramm für Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen (Betriebshilfe in der Spitex)» zu entwickeln, gelangte der Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen (TISG) an den Spitex Verband SG|AR|AI. «Als man mich anfragte, ob ich mir vorstellen könnte, so etwas mit aufzubauen, fand ich es grundsätzlich eine gute Sache, aber ich hatte auch Bedenken», erzählt  Ruth Weber-Zeller, Leiterin Fachstelle Spitex Entwicklung SG|AR|AI. Schliesslich ging es um die schweizweit erste Auflage des Projekts, und Erfahrungswerte fehlten komplett. Wie viel Aufwand wird die Ausarbeitung und schlussendlich auch die Umsetzung generieren? Wie werden die Praktikanten bei den Klientinnen und Klienten ankommen? Wie werden sich mangelnde Sprachkenntnisse auswirken? Fragen über Fragen stellten sich damals. Inzwischen liegt das 13-seitige Konzept zum Projekt vor. Es definiert unter anderem Zielgruppen, Finanzierung, Ziele und die gesetzlichen Grundlagen.

Neun Betriebe waren sofort dabei
Als Ruth Weber-Zeller dieses Konzept bei einem Anlass präsentierte, sagten von insgesamt 40 Spitex-Organisationen neun zu. Eine davon war die Spitex Mittleres Toggenburg, welche eine Stelle für eine Betriebshilfe Spitex zur Verfügung stellte. Kurz darauf vermittelte ihr Repas Toggenburg nach sorgfältiger Selektion mehrere Bewerberinnen und Bewerber, darunter Linda Nzinga. Die Frau aus Angola absolvierte einen Schnuppereinsatz, überzeugte durch ihre herzliche, umgängliche Art und bekam den Zuschlag. Seitdem begleitet sie als Praktikantin für insgesamt sechs Monate im Tandem-Prinzip an drei Tagen pro Woche eine Spitex-Fachperson im Bereich Haushalt. Immer mittwochs drückt die 39-Jährige zudem die Schulbank im Berufs- und Weiterbildungszentrum für Gesundheits- und Sozialberufe St. Gallen (BZGS). Die Schule vermittelt im Kurs «Grundkompetenzen Erwachsene Spitex» in verschiedenen Modulen allgemeinbildende und berufsspezifische Inhalte.

Vielleicht bald mit dem Velo unterwegs
Weil Flüchtlinge von Gesetzes wegen während des Praktikums keinen Lohn erhalten dürfen, erhält Linda Nzinga ein symbolisches Gehalt in Form eines Taschengelds. Die Klientinnen und Klienten profitieren vom Projekt, denn der Besuch von Linda Nzinga ist für sie kostenlos. «Sie bekommen gleich ein Doppelpack geboten», erklärt es Ruth Weber-Zeller. «Linda», wie sie ihre Klientinnen und Klienten nennen, kommt mit dem Bus zur Arbeit. Beim Einsteigen sagt sie «Grüezi mitenand». An neugierige Blicke hat sie sich mittlerweile gewöhnt. Gelegentlich nimmt eine Spitex-Mitarbeiterin sie mit dem Auto mit. Linda Nzinga ist eine angenehme Person. Ihre permanent aufgeschlossene und positive Art tut gut. «Mein Sohn bringt mir gerade Velofahren bei», sagt die 39-Jährige und lacht. Aber weil es in der Schweiz meist entweder bergauf oder bergab gehe, anders als in ihrem afrikanischen Heimatland, benötige sie noch einiges an Übung. Das Ziel von Linda Nzinga ist es, kurze Strecken für ihre Arbeitseinsätze mit dem Velo zurückzulegen.

Erste Erfahrungswerte sind positiv
Mittlerweile läuft die erste Auflage des Pilotprojekts seit drei Monaten. Jetzt, zur Halbzeit, ist Gelegenheit für einen Austausch und eine erste Bilanz. Und so setzten sich kürzlich die neun beteiligen Spitex-Organisationen, von denen jede einen Praktikanten oder eine Praktikantin ausbildet, an einen Tisch. «Es wurden extrem gute Beispiele erwähnt», berichtet Ruth Weber-Zeller und erzählt von einem 16-jährigen Jugendlichen aus Syrien, der alleine in die Schweiz kam und jetzt in einem Seniorenzentrum, in welches die Nonprofit-Spitex integriert ist, so gute Fortschritte macht, dass er im Jahr 2021 die Ausbildung zum Fachmann Gesundheit EFZ (FaGe) starten wird. «Sein Schicksal hat ihn geprägt und reif gemacht. Er ist ein herzlicher Mensch und sehr wertschätzend», sagt Ruth Weber-Zeller. «So eine Erfolgsgeschichte freut uns und bestätigt unseren Entscheid für dieses Projekt.»

Und auch die neun Spitex-Organisationen sowie die Klientinnen und Klienten geben positive Rückmeldungen: Sie berichten von sehr engagierten und zuverlässigen Frauen und Männern, die sich problemlos ins Team integrieren und schlussendlich für alle einen Mehrwert generieren. Die Fachpersonen im Bereich Haushalt erzählen von einer gewissen Entlastung, weil die Praktikanten zwar nicht mitarbeiten müssten, es aber in der Praxis gerne tun. Positiv sei weiter, dass die zusätzliche Person im «Tandem» Zeit hat, sich den Klientinnen und Klienten zu widmen. Hier ein Gespräch und dort ein Lachen wirkten wohltuend auf alle Beteiligten.

Nur eine Praktikantin kann es sich nicht vorstellen, im Anschluss an das Programm für die Spitex weiterzuarbeiten, aus kulturellen Gründen. «Es ist für sie nicht möglich, Haushaltleistungen für Männer zu erbringen», erklärt Weber-Zeller. In Zukunft werden die Betriebe dieser Problematik beim Vorstellungsgespräch und beim Schnuppern mehr Beachtung schenken. Beim Austausch hörte man schnell heraus, dass die Hälfte der Praktikantinnen und Praktikanten nach Ablauf der sechs Monate im Betrieb weiterarbeiten können, obwohl vom Konzept her keine Verpflichtung dazu besteht. Vom TISG getragen, generiert das Konzept für die jeweilige Spitex-Organisation keine Kosten, obgleich für die Klientinnen und Klienten ein Mehrwert generiert wird. «Grundsätzlich schätzen sie die Tatsache sehr, dass da eine zusätzliche Person auftaucht, die nicht nur Hand anlegt, sondern auch mal Zeit zum Plaudern hat», sagt Ruth Weber-Zeller. Für die Spitex-Organisationen erfordere die Einführung und Begleitung der Praktikantinnen und Praktikanten die Akzeptanz des ganzen Teams sowie die Begleitung durch eine geeignete Mitarbeitende.

Weitere Organisationen sind herzlich eingeladen
Wie es mit Linda Nzinga nach Ablauf des Praktikums Ende Dezember 2019 weitergeht, haben die Verantwortlichen der Spitex mittleres Toggenburg bereits mit ihr besprochen. Beide Seiten können sich vorstellen, dass Linda Nzinga regulär in der Hauswirtschaft angestellt wird. «Ende November besprechen wir mit dem Coach der Repas, wie man nun weiterfahren kann. Von dieser Seite erhalten wir extreme Unterstützung», sagt Judith Schiess, Ausbildungsverantwortliche der Spitex Mittleres Toggenburg. Eine Möglichkeit wäre, Linda Nzinga in ein reguläres sechsmonatiges Praktikum zu übernehmen. In diesem Fall wäre die Frau aus Angola nicht mehr im Tandem-Prinzip unterwegs und würde fest angestellt. Die Spitex-Organisation würde ihr dann 80 Prozent vom ersten Lehrlingslohn zahlen. Judith Schiess sagt: «Ob das allerdings so kommt, kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Gewissheit sagen.» Linda Nzinga äusserte kürzlich nämlich auch den Wunsch, zusätzlich in der Pflege zu schnuppern.

Ruth Weber-Zeller erklärt zusammenfassend: «Alles in allem ist das Konzept bei der Spitex Mittleres Toggenburg und den anderen neun Betrieben gut gestartet. Jetzt sind andere Organisationen herzlich eingeladen, von unseren Erfahrungen zu profitieren. Aufgrund der gemachten Erfahrungen sind wir überzeugt, dass das Konzept einen Mehrwert für alle Beteiligten bringt.»

Beatrix Bächtold

Für weitere Informationen zum Konzept und für Auskünfte rund ums Mitmachen steht Ruth Weber-Zeller gerne zur Verfügung. ruth.weber@spitex.sg

  • www.spitex.sg / www.ti-sg.ch / www.bzgs.ch