Von der aussergewöhnlichen Reise eines (fast) gewöhnlichen Paares

Obwohl Annette Bräuning an Multipler Sklerose erkrankt und seit 20 Jahren vom Hals abwärts gelähmt ist, reist sie mit ihrem Mann Niggi durch die Welt – in einem Bus, der einer rollenden Pflegestation gleicht. Derzeit ist ein Dokumentarfilm über das Leben und die Reisen des Paares im Kino zu sehen. Das Spitex Magazin hat mit einer Mitarbeiterin der Spitex Basel über ihre berühmte Klientin gesprochen und natürlich Annette und Niggi Bräuning besucht. Die beiden erzählten von ihren Erlebnissen, von der Krankheit – und vom Humor, den sie trotz allem nicht verlieren.

Annette Bräuning lernte ihre grosse Liebe Niggi im Vorkurs an der Kunstgewerbeschule kennen. «Ich habe ihn gesehen mit seinen roten Wangen und habe mich verliebt», erzählt die heute 70-Jährige von jenem Augenblick vor über 50 Jahren. Fortan meisterte das Paar die Reise durchs Leben ebenso gemeinsam wie viele tatsächliche Reisen durch die Welt. Dass die beiden dieses gemeinsame Reisen auch dann nicht aufgegeben haben, als ihnen das Leben grosse Steine in den Weg legte – davon erzählt der Dokumentarfilm «Immer und Ewig», welcher derzeit im Kino zu sehen ist.

Von der Krankheit und vom Koma

Entdeckte das Paar in jenen ersten Jahren seiner Liebe gemeinsam die Welt, war es am liebsten unabhängig und ohne grosse Pläne unterwegs. Unabhängig blieben die Reisefreudigen auch beruflich: Nach ihrer Ausbildung arbeitete Annette als freischaffende Grafikerin und Niggi als freischaffender Fotograf, oft auch an gemeinsamen Projekten. Bald machten die Töchter Fanny und Julie die Basler Familie komplett, die gerne im eigenen Kleinbus auf Reisen ging. Kurz nach der Geburt der zweiten Tochter erfuhr Annette indes, was ihre zunehmenden gesundheitlichen Probleme verursachte: Die Ärzte diagnostizierten Multiple Sklerose (MS), eine chronisch fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems.

«Die Etappen der Erkrankung lassen sich in Jahrzehnte-Schritten zusammenfassen», erklärt Niggi Bräuning. Seit 50 Jahren ist Annette Bräuning an MS erkrankt, erst vor 40 Jahren erhielt sie die Diagnose, seit 30 Jahren sitzt sie im Rollstuhl – und seit 20 Jahren ist sie vom Hals abwärts gelähmt. Letzteres ist damit erklärbar, dass sie im Februar 1999 infolge eines septisch-toxischen Schocks ins Koma fiel. Während des Komas flehte ihr Mann sie an, ihn nicht zu verlassen. Er beschloss in jenen bangen Stunden, dass sie wieder gemeinsam mit einem Bus auf Reisen gehen würden, wenn seine Frau erwachte. Wegen ihrer zunehmenden Einschränkungen hatte die MS-Patientin seit einem Jahrzehnt auf solche Reisen verzichten müssen.

Und tatsächlich erwachte Annette Bräuning nach einer Woche aus dem Koma, war aber vom Hals abwärts gelähmt. Sie verbrachte zwölf Monate in der Rehabilitation, wo sie wieder sprechen, kauen und schlucken lernte. Während all dieser Monate vertraten die Ärzte die Meinung, dass ihre Patientin nie wieder zu Hause leben könne. Dies sah Niggi Bräuning jedoch anders: Er wollte nicht, dass seine Frau «in einem Heim liegen und an die Decke schauen muss», wie er erzählt. Sie sollte stattdessen die Welt mit ihm bereisen – und dafür sorgte er dann auch.

Vom Bus und vom Reisen

Im Alter von 52 Jahren hängte der Fotograf seine Kameras an den Nagel und kümmerte sich fortan um die Pflege und Betreuung seiner Frau. Zudem baute er gemeinsam mit vielen Helfern das Innenleben eines Kleinbusses komplett aus. «Asphalt-Yacht» nennen die Bräunings ihr Gefährt liebevoll, das seit dem Ausbau rollstuhlgängig ist. Der Rollstuhl kann sogar dort platziert werden, wo normalerweise der Beifahrersitz zu finden ist. Zudem enthält der Bus Stauraum für Pflegematerialien aller Art, eine Küche sowie ein multifunktionales Anti-Dekubitus-Bett. Sein eigenes Nachtlager kann Niggi Bräuning mithilfe eines Flaschenzuges an die Decke befördern, sodass tagsüber ausreichend Platz im Bus ist. Von zentraler Wichtigkeit ist die Spezial-Toilette, die sich am Pflegebett befestigen lässt. Dann kann Annette Bräuning vom stillen Örtchen aus durch die getönten Scheiben des Busses blicken – auf Sonnenuntergänge genauso wie auf malerische Buchten oder belebte Häfen. «Es ist die Toilette mit der schönsten Aussicht der Welt», sagt Niggi Bräuning schmunzelnd. Daraufhin fährt der Tüftler nachdenklicher fort: «Die stärkste Liebe und der stärkste Glaube reichen nicht aus, wenn man die technischen Hilfsmittel für solche Reisen und insbesondere das Darm-Management nicht hat. Mir ist wichtig, dass Betroffene wissen, dass eine Behinderung sie nicht davon abhalten muss, die Welt zu sehen.»

Dank seines ausgebauten Busses konnte das Paar wieder dem Nomaden-Dasein in aller Welt frönen, das immer Teil seines Lebens gewesen war: Griechenland besuchten die beiden besonders häufig, aber sie fuhren beispielsweise auch durch Island, Schottland und Marokko. Begeistert erzählen sie von grosser Gastfreundlichkeit, dass sie in Liverpool gleich neben den berühmten Beatles-Statuen übernachtet haben und wie sie in Tunesien vor einer Moschee parkten und zuschauten, wie Kinder jauchzend das Treppengeländer herunterrutschten, egal ob verschleiert oder nicht. Die beiden Schweizer parken stets dort, wo es ihnen gerade gefällt – oft ist dies mitten in einem Stadtzentrum, und am Morgen sind sie dann umgeben von den Ständen der Marktfahrer. Oder sie machen es sich am Hafen gemütlich, wo die Masten der Segelschiffe hin- und herwiegen. Dass sie dabei manchmal im Parkverbot stehen und damit das Privileg eines Gefährts mit Behindertenbewilligung geniessen, räumen sie ein. «Wir parken ja nicht, wir wohnen», sagt Niggi Bräuning mit einem Augenzwinkern. Im vergangenen Jahr überschritten die beiden schliesslich eine wahrlich «märchenhafte» Grenze: Sie zählten, dass sie in den rund 20 Jahren seit dem Koma bereits 1001 Nacht gemeinsam auf Reisen verbracht hatten.

Vom Film und von der Tochter

Und über dieses Reisen berichtet der Dokumentarfilm «Immer und Ewig» von Regisseurin Fanny Bräuning, der Tochter des Paares. In nicht chronologischer Reihenfolge zeigt er Szenen aus Albanien, Rumänien, Griechenland und Ita­lien: Der Kleinbus lässt Küstenstrassen genauso hinter sich wie malerische Fischerorte und karge Vulkanlandschaften. Annette Bräuning erzählt vor der Kamera, sie sitze gerne neben ihrem Mann und betrachte die Wolken, die Natur und die Sonne; und in Gedanken steuere sie mit. Hält der Bus, dann rollt Niggi Bräuning seine Frau im Rollstuhl an einen Fischmarkt auf Sizilien, zu einem Aussichtsrestaurant auf der griechischen Insel Korfu oder zu einem selbstgebrauten Kaffee bei Sonnenuntergang an einem albanischen Strand. Und ist ein Ausflugsziel nicht rollstuhlgängig, fotografiert er alles und zeigt seiner Frau daraufhin die besten Aufnahmen. Überhaupt ist der Basler im Film oft ruhelos mit seiner Kamera auf der Jagd nach dem originellsten Schnappschuss, dem ungewöhnlichsten Licht und der schönsten Aussicht. «Er war nicht Fotograf», sagt Annette Bräuning in einer Szene. «Das ist Blödsinn. Er ist es immer noch.»

«Immer und Ewig» ist allerdings nicht nur ein Film über das ältere Paar, sondern auch ein solcher über Regisseurin Fanny Bräuning selbst, über ihre Kindheit und ihre offenen Fragen (siehe auch Infokasten). Sie ist die Ich-Erzählerin des Films, und in einigen Szenen hakt sie aus dem Off nach: Dann fragt sie ihren Vater zum Beispiel, ob er sich nicht manchmal nach einem anderen Leben gesehnt und überlegt habe, zu gehen. «Das würde ich nicht aushalten. Das muss ich nicht erst ausprobieren», antwortet ihr Vater. Viele Fragen lässt der Film jedoch auch unbeantwortet, so manche Momentaufnahme bleibt unkommentiert. Der Film ist oft leise; er hallt aber dennoch – oder gerade deswegen – lange nach.

Vom Zuhause und von der Spitex

Bereist das Ehepaar Bräuning nicht fremde Länder, dann verbringen die 70-Jährige und der 71-Jährige gerne Zeit in ihrem gemütlichen Haus in Basel, gehen oft auswärts essen oder besuchen kulturelle Anlässe. «Und natürlich geniessen wir die Zeit mit unseren vier Enkeln, die zwischen 5 und 20 Jahre alt sind», ergänzt Annette Bräuning. Oder aber sie planen ihr nächstes Abenteuer; Portugal würden sie gern bereisen oder das Baltikum. «Eigentlich ‹arbeite› ich ja, wenn ich auf Reisen bin», sagt Niggi Bräuning. «Und wenn ich zu Hause bin, dann habe ich ‹Ferien›, weil mir die Spitex bei der Pflege meiner Frau hilft.»

Die Spitex Basel unterstützt das Paar seit drei Jahrzehnten – von ihr hat Niggi Bräuning auch alles über die Pflege gelernt – und teilt sich derzeit die zwei Einsätze pro Tag mit Curavis. Alle Spitex-Mitarbeiterinnen seien grossartige Frauen, auf deren von Fröhlichkeit geprägte Besuche man sich immer freue, sagen die Bräunings. Eine dieser «grossartigen Frauen» ist die 47-jährige Maya Basler von der Spitex Basel, welche die MS-Patientin seit elf Jahren betreut. Erst tat sie dies als hauswirtschaftliche Mitarbeiterin, schloss dann aber vor vier Jahren ihre Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit (FaGe) ab. «Es ist grossartig, wie das Paar sein Leben meistert und die Welt bereist», sagt sie. Niggi Bräuning sei ein Tüftler, der für jedes Problem eine Lösung finde. «Es ist faszinierend, wie er in seinem Bus auf engstem Raum alles geschaffen und untergebracht hat, was er zur Pflege seiner Frau braucht.»

Dass die Bräunings nun in einem Kinofilm zu sehen sind, gefällt Maya Basler: Sie hat den Film am 30. Januar an einer Sondervorführung für die Spitex gesehen. Dabei hat sie erleichtert festgestellt, dass die Spitex-Mitar­beiterinnen nur kurz durchs Bild huschen. «Ich würde mich nicht gerne prominent auf der grossen Leinwand sehen», winkt sie lachend ab. Faszinierend findet Maya Basler schliesslich auch, dass die Bräunings «trotz der grossen Einschränkungen ein total normales älteres Ehepaar sind, das sich liebt, neckt und manchmal auch zankt». So helfe sie Annette Bräuning manchmal, die schönsten Kleider aus Katalogen zu bestellen – heimlich, weil der Ehemann sonst schimpfe, seine Frau besitze doch schon viel zu viele Kleider.

Von einem Paar und von dessen Stärke

Als gewöhnliches Paar wollen die Bräunings trotz ihrer aus­sergewöhnlichen Reisen auch wahrgenommen werden, wie sie betonen. Und vieles ist ja auch normal an diesem sympathischen Paar: Auch in «Immer und Ewig» wird über die nötige Anzahl an Kleidern diskutiert, es wird über Sentimentalitäten gelacht und in einer Szene schimpft Annette Bräu­ning mit ihrem Mann, als er ihre Frisur gar wild gestaltet. «So kann ich doch nicht rumlaufen, in meinem Alter, mit so einer Punk-Frisur», neckt sie ihn. Überhaupt ist immer Platz für ein bisschen Humor im Film, der indes auch viele nachdenkliche Töne anschlägt: So erzählt er von vielem, was Annette Bräuning wegen ihrer Krankheit verloren hat und noch zu verlieren droht. Beispielsweise macht sich die MS-Patientin Gedanken, ob ihr die Krankheit eines Tages auch noch das Augenlicht rauben wird und ob sie dann noch weiterleben mag.

Der Film thematisiert sicherlich die Endlichkeit des Lebens – er ist aber auch eine Hommage an ebendieses Leben. Dies dank zwei Protagonisten, welche sich die Freude an den Kleinigkeiten des Alltags und an der Schönheit fremder Länder nicht nehmen lassen. Da ist einerseits die Willensstärke von Niggi Bräuning, dessen Einstellung gegenüber dem Leben auch von seiner Ausbildung zum Rheinschiffer in den 60er-Jahren geprägt worden ist. «Ich habe gelernt, wie man Schiff und Ladung sicher ans Ziel bringt – trotz Untiefen, Stürmen oder Havarien», erzählt er. «Hat ein Schiff ein Loch, macht man es zu. Das war die beste Lebensschule.» Auch Annette Bräuning bewies ihre Willensstärke bereits in jungen Jahren: Damals erhob sich die streng erzogene Gymnasiastin mitten in einer Englischstunde und teilte der Lehrerin mit, sie müsse aufs Rektorat, wo sie verkündete, sie trete aus der Schule aus – und das tat sie dann auch, um Grafikerin zu werden. Und im Vorkurs an der Kunstgewerbeschule traf sie ja dann bekanntlich auf den jungen Mann mit den roten Wangen, mit dem sie seither gemeinsam durchs Leben reist – und allen Hindernissen zum Trotz auch durch die Welt.

Kathrin Morf

«Immer und Ewig» von Fanny Bräuning

Der Dokumentarfilm «Immer und Ewig» über Annette und Niggi Bräunings Leben und Reisen läuft seit dem 31. Januar in ausgewählten Schweizer Kinos, mit deutschen und französischen Unter­titeln. Das an den Solothurner Filmtagen für den Prix de Soleure nominierte Werk von Regisseurin Fanny Bräuning ist 85 Minuten lang und in Koproduktion mit dem Schweizer Radio und Fern­sehen/SRG SSR entstanden. Am Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig wurde es unter dem Namen «The Journey – A Story of Love» gezeigt. Filmkritiker Josef Braun schrieb danach, es habe grossen Applaus gegeben «für den Film und für diese Beziehung, die Fanny Bräuning gemeinsam mit ihrem Kameramann auf so wunderbar zärtliche Weise eingefangen hat.»

Fanny Bräuning, geboren 1975 in Basel, hat an der Zürcher Hochschule der Künste Film studiert und lebt heute als freie Regisseurin in Berlin. 2008 zeigte sie sich für «No More Smoke Signals» verantwortlich, einen Dokumentarfilm über eine Radio­station in einem Indianerreservat. Für dieses Werk erhielt sie den Schweizer Filmpreis für den besten Dokumentarfilm. Die Idee, die Geschichte ihrer Eltern zu verfilmen, sei mit den Jahren gereift, erzählt sie. Einerseits habe sie mit dem Film «Immer und Ewig» eigene Fragen beantworten wollen, zum Beispiel: Wie schafft ihr Vater das alles? Oder: Wer ist ihre Mutter eigentlich; wer ist der Mensch hinter der Krankheit? Andererseits habe sie «immer wieder gemerkt, wie stark meine Eltern mich im Umgang mit ihrem Schicksal berühren». Genauer habe sie die Rebellion ihres Vaters gegen die Krankheit der Mutter berührt – und der Wille der Mutter, das Leben weiter zu geniessen. «Ich denke schon, dass meine Eltern das Leben umso mehr auskosten, da ihnen bewusst wurde, welch ein Geschenk es ist», sagt Fanny Bräuning. Einen Trailer gibt es auf www.youtube.com unter dem Titel «IMMER UND EWIG – Trailer DE». Mehr zum Film unter www.hugofilm.ch/9238909/immer-und-ewig